Klare Rahmenbedingungen machen das Leben leichter

| Ein Beitrag von Gabriele Amann

Als resilienter Mensch haben Sie gerlernt Ihr Leben selbst zu gestalten und nicht von anderen gestalten lassen. Resiliente Menschen können die Rahmenbedingungen, unter denen sie arbeiten, realistischer einschätzen als andere. Sie besitzen ein gutes Gefühl für den Einsatz ihrer Ressourcen, wie Zeit, Kraft, Energie und Geld.

Resilient mit Krisen und Belastungssituationen umzugehen bedeutet vor allem, Frustrationen und Überforderungsgefühlen vorzubeugen und selbst für Motivation und Erfolgserlebnisse zu sorgen. Hierzu gehört eine ordentliche Portion Mut. Es erfordert die Kunst, auch mal Nein zu sagen, sich abzugrenzen und sich damit bei anderen vielleicht unbeliebt zu machen.

Das JA, UND… ist das klügere NEIN!

„Kannst Du gerade mal!“ Die kleine Bitte des Kollegen ist ebenso verführerisch, wie das große verlockende Job-Projekt oder das schnelle Kommitment zu neuen Plänen. Wir verkennen meist die Realität, achten nicht auf die begrenzten Ressourcen und ignorieren Zeit, Raum und Budget, wenn es darum geht, die meist viel zu hochgesteckten Ziele realisieren zu wollen.
Das Ausmaß der zusätzlichen Belastung und die Überlastung realisieren wir oft erst Monate später – wenn es für ein “NEIN, danke!” schlicht zu spät ist.
Resilienz-Zirkel-Training (RZT) Akzeptanz

Nein sagen will gelernt sein

Resilienz und Widerstandskraft wollen trainiert sein, wie Muskeln. Von Natur aus fällt es manchen Menschen schwerer mit dem NEINSAGEN als anderen. Die Gründe, warum ein einfaches Nein manchmal so schwer sein kann, sind vielfältig:

  • Wir mögen es, uns im Job mit unseren Talenten und Fähigkeiten einzubringen (Kannst Du nicht wieder die Weihnachtsfeier organisieren? Du hast immer so tolle Ideen und machst das so großartig!).
  • Wir möchten anderen einen Gefallen tun und auch auf der Weihnachtsfeier schlicht höflich sein (Jetzt nimm doch noch ein Stückchen. Die Kollegen haben alles selbst gebacken! Und auf die paar Kalorien kommt es doch jetzt auch nicht mehr an!)
  • Wir möchten Karriere-Chancen nicht ungenutzt lassen (Wenn wir das neue Projekt jetzt zusagen, dann sichern wir uns in diesem Jahr noch gute Konditionen. Sie werden sehen, der vorübergehende Mehraufwand wird sich für Sie auf lange Sicht bestimmt auszahlen!)

Warum wir uns manchmal mit dem NEINSAGEN so schwer tun

Häufig merken wir nicht, wie wir Tag für Tag selbst dazu beitragen, dass Arbeits- und Belastungsgrenzen ausgedehnt werden. Ein Grund hierfür liegt darin, dass die Grenzen in sehr kleinen Schritten erweitert werden. Wir gewöhnen uns schlicht und ergreifend an die neue Situation und finden Strategien den Mehraufwand zu kompensieren.

“Es ist noch immer irgendwie gegangen”. Es beginnt mit Überstunden, dann nehmen wir die Arbeit abends mit nach Hause. Schließlich arbeiten wir auch noch am Wochenende und zu guter Letzt können wir sogar im Urlaub nicht mehr abschalten.

Wir sagen zu schnell “JA KLAR, das mache ich (auch noch)! Und wir überhören die innere Stimme, die uns zuflüstert: “Bist du sicher, dass du das auch noch machen willst? Es steht doch schon so vieles an! Du bist doch jetzt schon ständig müde und am Limit!”.  Doch der ein oder andere innere Antreiber ist stärker: “Komm, streng dich an! Sei stark – halte durch! Mach es deiner Kollegin recht! Mach schnell – entscheide jetzt sofort!” Wohl jeder kennt diese inneren Teamkonflikte des Alltags.

Lernen Sie Belastungsgrenzen zu akzeptieren

Selbst wenn der Druck und die Belastung von außen nachlassen, wir können eines Tages nicht mehr in den ursprünglichen Zustand zurückfedern. Wir haben einen Teil unserer Resilienz verloren. Resilienz zu zeigen bedeutet zwar elastisch, flexibel und anpassungsfähig zu sein. Doch aufgepasst! Verlieren wir an innerer Spannkraft, indem wir zu oft JA SAGEN, dann zeigen wir zu viel Flexibilität und Anpassungsfähigkeit.

Verglichen mit einer Sprungfeder könnte man sagen: Wir sind überspannt und haben uns zu weit ausgedehnt. Wir fühlen uns im wahrsten Sinne verbogen. Bei einer Sprungfeder diagnostiziert man: das Material ist ermüdet. Und nehmen wir das Bild des Bambus, so erkennen wir: Auch der noch so flexible und anpassungsfähige Bambus kann, bei zu viel Sturm oder Druck von außen, einknicken oder zerbrechen.

Schaffen Sie realistische Erwartungshaltungen

Zum Glück besitzen wir Menschen eine sehr hohe Belastungs- und Regenerationsfähigkeit. Und damit das auch so bleibt ist es hilfreich sich darin zu üben, gegenüber sich selbst und gegenüber anderen, eine realistische Erwartungshaltung zu schaffen.  Akzeptieren Sie Ihre Belastungsgrenzen. Sagen Sie öfter einmal NEIN-STOPP zu sich selbst (und zu anderen) und nutzen Sie das “JA UND”-Prinzip um ihre Resilienz und Ihre innere Spannkraft zu trainieren.

In drei Schritten zum “JA, UND”-PRINZIP

Gönnen Sie sich ab heute viele kleine, resiliente Momente, indem Sie öfter einmal das tun, was Sie eigentlich tun möchten und indem Sie auf das achten, was Sie wirklich brauchen. Und so gehen Sie vor:

Tipp Nr. 1

Achten Sie auf innere Signale

Lernen Sie Ihre Belastungsgrenzen besser und schnell wahrzunehmen. Üben Sie sich darin, Ihrem diffusen Unwohlsein eine Stimme zu geben. Drücken Sie aus, das und was ihnen nicht passt. Gönnen Sie sich hierzu heute einige Trainingseinheiten. Z.B. Immer dann, wenn Sie um einen Gefallen gebeten werden, wenn neue Aufgaben auf Sie zukommen und vor allem immer dann, wenn etwas angeblich ganz besonders schnell und dringend bei der Arbeit erledigt werden soll. Erledigen Sie heute einmal nur das, was wirklich nötig ist und verzichten Sie auf alle Extras.

Ihre Belastungsgrenzen können Sie besser wahrnehmen, wenn Sie lernen auf folgende Signale zu achten:

  • Es meldet sich eine innere Stimme: “Oh nein … das will ich eigentlich nicht!”
  • Sie bekommen ein komisches Gefühl, z.B. ein Kribbeln im Bauch, Ihre Schultern verspannen sich, Sie werden unruhig oder plötzlich ganz still.
  • Ein inneres Bild taucht vor Ihnen auf: Sie sehen sich in einer unangenehmen Situation, Berge von Arbeit türmen sich vor Ihnen auf.
  • Ihre Atmung verändert sich. Ihre Stimmlage verändert sich. Sie reden plötzlich mehr und schneller oder aber viel weniger als üblich.

Tipp Nr. 2

Sagen Sie innerlich sofort „STOPP!“

Taucht heute eins dieser Signale bei Ihnen auf, dann sagen Sie innerlich STOPP. Geben Sie sich mehr Bedenkzeit, bevor Sie eine Zusage geben oder bei einer Verlockung spontan zugreifen. Wollen Sie das wirklich tun, wollen Sie das wirklich haben oder erreichen?  Wichtig ist, dass Sie heute einmal nicht Ihrem “JA GERNE UND SOFORT”-Reflex folgen, dass Sie Routinen und Reaktionsmuster durchbrechen und lernen, Ihr JA einer Realitätsprüfung unterziehen:

  • Möchte ich den Kuchen jetzt wirklich essen?
  • Müssen die Kopien – für das Meeting in zwei Tagen – wirklich sofort erledigt werden?
  • Muss ich den Kunden wirklich sofort zurückrufen?
  • Möchte ich die Projektleitung wirklich übernehmen?
  • Braucht es jetzt gleich eine Zusage für den Lieferanten?
  • Gibt es nicht auch einen Weg, der für mich günstiger, leichter, unkomplizierter ist?

Tipp Nr. 3

Machen Sie den Realitäts-Check

Sie trainieren Ihre innere Spannkraft, indem Sie mit Hilfe des „Ja, und“-Prinzips eine angemessene Realitätsüberprüfung sorgen. JA – ich nehme Dich und Dein Anliegen ernst – UND ich prüfe zunächst, wie ich auf Deine Bitte, Deinen Vorschlag oder Deine Idee reagieren möchte.

Für diese Realitätsprüfung benötigen Sie Zeit. Diese bekommen Sie nur, wenn Sie bewusst agieren anstatt sofort zu reagieren. Lassen Sie sich nicht zu einem schnellen JA verführen und gehen stattdessen selbstbewusst in Führung. Trainieren Sie Ihre Resilienz, Ihre innere Elastizität und Widerstandskraft, sagen Sie z.B.:

  • JA, danke – UND ich nehme den Kuchen einfach mit. Ich esse ihn später Zuhause, wenn wieder Platz in meinem Magen ist. Für jetzt habe ich erst einmal genug gegessen.
  • JA, gerne – UND ich gebe dir in 10 Minuten Bescheid, bis wann ich die Kopien fertig habe. Lass mich eben nachsehen, was alles auf meinem Schreibtisch liegt und vorher erledigt werden muss.
  • JA, mache ich – UND ich erledige es sofort, nachdem ich meinen Vorgang hier abgeschlossen habe. Ich brauche dafür noch ca. 10 Minuten.
  • JA, ich danke Ihnen für diese tolle Gelegenheit – UND ich bespreche mich am Wochenende mit meiner Familie und meiner Frau/ ich nehme mir am Wochenende Zeit, darüber nachzudenken und gebe Ihnen dann nächste Woche Bescheid, ob die zusätzliche Projektleitung für mich in Betracht kommt.
  • Ja, ich danke Ihnen für das tolle Angebot – UND wie lange können Sie dieses Angebot für mich freihalten? Ich möchte mich, bevor ich das XY bestelle, erst noch mit meinem Kollegen/ Chef besprechen.
  • Ja, ich kann die Präsentation gleich hier auf dem Tablett korrigieren – UND ich bin wesentlich schneller, wenn ich dazu meinen PC benutze. Lass mich also kurz ins Büro gehen und wir können uns dann in 15 Minuten wieder hier im Besprechungsraum treffen.

Mehr Zeit, weniger Stress, viel mehr Souveränität

Diese Beispiele zeigen, dass NEIN zu sagen im Job vor allem etwas mit einer konstruktiven, souveränen Haltung zu tun hat. Diese lautet: “JA, UND ich möchte den für uns beide besten Weg finden!”. Die Angst vor dem NEINSAGEN ist in vielen Fällen unbegründet. Die meisten Menschen haben Verständnis dafür, wenn Sie andere Prioritäten haben und sich Zeit nehmen wollen für eine Entscheidung.

Wichtig ist: Teilen Sie sich, Ihre Beweggründe und Ideen mit.  Geben Sie Ihrem Gesprächspartner eine klare Orientierung darüber, was gut für Sie ist. Mit dieser Klarheit ist in der Regel beiden Parteien geholfen.

Die “JA, UND”-Strategie hilft Ihnen, Ihren Work-Flow zu verbessern, mehr Ruhe in die ohnehin schon stressige Arbeitszeit zu bringen und Ihre persönliche Widerstandskraft und Resilienz aufzubauen. Viel Spaß dabei! Und wie immer heißt es: Übung macht den Meister. Also fangen Sie gleich heute damit an!

Ella Gabriele Amann

Ella Gabriele Amann

Manchmal ist es nicht ganz einfach, JA zu sich selbst zu sagen und sich eine Auszeit zu nehmen, in der man sich einmal nur um die eigenen Belange und Interessen kümmert. Das “JA, UND”-Prinzip hilft mir sehr dabei zu verstehen, dass beides sein kann und sein darf: Mir Zeit für Kollegen, Kunden, Partner und Freunde zu nehmen und zugleich darauf zu achten, das meine eigene Regeneraitonszeit nicht zu kurz kommt. Welche Erfahrungen haben Sie mit dem “JA, UND”-Prinzip gemacht? Ich freue mich über Ihr Feedback und wünsche Ihnen einen schönen Start in Ihr tägliches Time-out!twitter.com/EllaGAmann

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